DaFabula

Alex KI

Ein leises Summen der Warp Triebwerke war das einzige Geräusch, das Marco an diesem frühen Morgen in seiner Offizierskabine an Bord des Interstellaren Raumschiffs „Aeolus“ hörte. In Gedanken versunken setzte sich Marco den steifen Hut seiner Galauniform auf den Kopf. Noch vor ein paar Stunden war er bei Lena, seiner Freundin, gelegen, bevor er ganz leise aufstand, eine kurze, aber liebevolle Notiz für sie hinterliess und lautlos die Türe hinter sich schloss. Er wollte sie nicht aufwecken. Nicht dieses Mal. Es war für Lena immer sehr schwer, sich von ihm zu verabschieden, wenn er wieder auf eine Mission geschickt wurde. Sie versuchte jeweils ganz tapfer zu sein, was ihr aber nur selten gelang. Ihre Gefühle überwältigten sie und die Tränen, die sie mutig zurückzuhalten versuchte, kullerten über ihr hübsches Gesicht. Sie konnte einfach nicht anders und Marco berührten diese Szenen immer wieder. Dafür und für viele weitere Dinge liebte er sie. Lena betrachtete die Welt so ganz anders als er dies konnte. Er war es als Ingenieur und Offizier des Globalen Friedensrates gewohnt, nüchtern und analytisch zu agieren. Sie dagegen bewahrte sich etwas Kindliches, konnte staunen und sich über ganz alltägliche Dinge freuen. Die ersten bunten Blumen und die zartgrünen Blätter der Bäume im Frühling verzückten Lena. Sie konnte glücklich und bis auf die Haut durchnässt in einem Sommergewitter barfuss tanzen und sich von den Farben des Herbstes begeistern lassen. Der Schnee im Winter hatte für sie etwas Zauberhaftes und sie liess sich genüsslich die allersten Schneeflocken auf der herausgestreckten Zunge zergehen. Dabei schaute sie Marco mit ihren grossen blauen Augen an und ihr Blick war intensiv und voller Lebensfreude. All diese Eindrücke und Gefühle setzte sie in ihrem Wellness Studio „The Happy Galactic Mind“ in kreativen Ideen um. Einmal waren es die Herbstmassagen mit Naturprodukten in allen Farben dieser Saison, ein anderes Mal entwarf sie innovative Stylingkonzepte, die einer ansonsten grauen Person durch den gezielten Einsatz von Farbe etwas Individuelles, Schillerndes verlieh und sie mit einem neuen Selbstbewusstsein ausstattete. Sei dies durch Kleidung, die Frisur oder auch nur den subtilen Einsatz von Schmuck oder Accessoires. Dann waren es wieder Gespräche mit Menschen, die eine schwierige Phase in ihrem Leben durchliefen, denen sie durch ihre Art des Erzählens Bilder in ihrem Innern entstehen liess. Bilder, die längst vergessene Erinnerungen wachriefen und die sie mit dem Leben und seinen Windungen versöhnten. Dazu hatte sie sich über die letzten Jahre ein grosses Netzwerk rund um den Globus an kreativen Menschen erschaffen, die wie sie an das Schöne und das Gute glaubten und die dies, jeder auf seine ganz persönliche Art, zum Ausdruck brachten. Die Technologien im 22. Jahrhundert waren ideal dafür und Distanzen waren kein Hindernis mehr. Entweder liess man sich per Teleporter an einen beliebigen Punkt auf der Erde bringen oder man liess die 3D Drucker für sich arbeiten, die jedes beliebige Gut in Windeseile herstellten. Auch wenn Lena ansonsten keine grosse Freundin von Technologie war, setzte sie diese Hilfsmittel sehr gezielt und geschickt ein, ohne dabei den Bezug zu der realen Welt und zu den Gefühlen zu verlieren. Das war ihr Erfolgsrezept und entsprach ihrem Bild der Menschen. Lena wollte, dass es den Menschen gut geht, dass sie sich wohl fühlen, sich selber entdecken und sich weiterentwickeln können. Dazu konnte sie uraltes Wissen über die Kulturen, die Natur und die Zusammenhänge ebenso anwenden, wie die Vorzüge der modernen Welt nutzen. Marco musste oftmals lächeln, wie unbedingt und vorurteilslos sich Lena auf das Leben und die Menschen einliess. Davon liess sich er sich ab und an mitreissen. Es gefiel ihm, auch einmal nicht die Kontrolle über sich und das was passierte zu haben. Diese Erfahrungen waren ganz neu und ungewohnt für ihn und standen im grundsätzlichen Kontrast zu seinem Alltag. Marco und Lena ergänzten sich in vielen Bereichen wunderbar und eine Trennung war für beide schwierig. Aber an diesem Tag wollte er ihr den Abschiedsschmerz ersparen. Er war selber viel zu stark hin und hergerissen. Denn für ihn begann heute ein neuer Abschnitt in seiner Offizierslaufbahn.

Nun war es also soweit. Nach fünf Jahren intensiver Ausbildungszeit an der Intergalaktischen Diplomatischen Akdademie und einem strengen Selektionsverfahren wurde er zum ersten Mal zu einer Interstellaren Friedenskonferenz nach Alpha Centauri geschickt, wo die Konferenz auf dem neutralen Planeten „Pax Tibi“ stattfand. Nach Abschluss all seiner Prüfungen und nach einer eingehenden Befragung durch den Globalen Friedensrat aller Nationen des Planeten Erde wurde er als bereit erklärt, diese schwierigen Verhandlungen als First Officer und Leiter der Delegation der Erde zu führen. Gerade in diesem Jahr hatte die Erde wieder den Vorsitz in diesem Gremium. Dass man ihm dies zutraute bedeutete für Marco sehr viel. Darauf hatte er all die Jahre hingearbeitet, hatte sich vorbereitet und auf vieles verzichtet. In den letzten Wochen hat er sich nochmals ganz intensiv mit der Verhandlungsführung und den verschiedenen Abgesandten der insgesamt zwölf Mitgliedsgalaxien der Interstellaren Friedenskonferenz auseinandergesetzt. Es galt einige drängende Probleme zu lösen. Zumeist waren es Streitpunkte, die in der Kultur oder dem unterschiedlichen Verständnis der einzelnen Zivilisationen oder dem Umgang miteinander lagen. Immer wieder kam es hier zu Auseinandersetzungen, die aber im Rahmen solcher Treffen besprochen und gelöst werden sollten. Das war ein gewaltiger Fortschritt, denn in den Anfängen der interstellaren Zusammenarbeit war dies noch nicht möglich. Als die Menschheit die erste ausseridische Zivilisation entdeckte oder besser gesagt, diese sich ihr zeigte, waren die kulturellen Gräben unter den Galaxien noch beinahe unüberwindbar. Dies führte zu kriegerischen Auseinandersetzungen und viel Leid und Misstrauen unter diesen ganz unterschiedlichen Formen ausserirdischen Lebens und Intelligenzen. Erst als man es gemeinsam schaffte eine Galaktische Sprache, die „Orbis Lingua“ zu entwickeln, konnte man sich besser verständigen. Das war nicht immer einfach, da sich die Sprachen in ihren Strukturen und Inhalten enorm unterschieden, aber man hatte endlich einen Weg gefunden miteinander zu kommunizieren. Dazu diente der Hyperraum Translator „XP42“ der auf Künstlicher Intelligenz beruhte und der sich durch kontinuierliches Training ganz individuell auf seinen jeweiligen Träger einstellen liess. Das Gerät konnte nebst der Übersetzung aller bekannten interstellaren Sprachen noch sehr viele weitere Dinge leisten und er stellte das High End Produkt der intergalaktischen Soft-&Hardware Entwicklung dar. Der XP42 war in etwa so gross wie in früheren Zeiten das Handy, das der damaligen Gesellschaft bereits als unentbehrlicher Helfer diente. In der heutigen Zeit war dies noch viel mehr der Fall.

Nachdem sich Marco den breiten Gürtel seiner Galauniform umgeschnallt hatte, griff er nach seinem XP42, der immer an der Seite befestigt und jederzeit griffbereit war. Damit hatte er seine ganze Ausbildung an der Intergalaktischen Akademie bestritten und ihn für sich individualisiert. Er berührte die Benutzeroberfläche, um sein Gerät zu aktivieren. Ein melodisch gefälliger Dreiklang zeigte an, dass es sich einschaltete. Marco war leicht irritiert über diese Töne. Da plötzlich erklang eine beschwingte Stimme „Guten Morgen Sonnenschein, soll ich dir jetzt deinen Latte Macchiata reinbeamen und du döst noch ein wenig in den herrlichen Morgen hinein?“ Ein kurzes Zischen und ein grosses dampfendes Glas, welches mit herrlichem Milchschaum und einer Mittelschicht Kaffee gefüllt war, stand neben Marco auf dem Metallschreibtisch. Oben auf dem Milchschaum schwamm ein kleines Herz aus gestreutem Schokoladepuder. Nun war Marco vollends perplex. Sein XP42 Gerät sprach ihn stets mit „Sir“ oder „First Officer Marco“ an und zollte ihm damit den nötigen Respekt, der seinem Rang gebührte. „Hast du gut geschlafen, süsse Lena?“, fragte die sympathisch tönende Stimme unbeschwert weiter. „Dies ist mein heutiger Überraschungssong, der dich beschwingt in den Morgen hinein begleitet“, säuselte die Stimme verführerisch und über die Bordlautsprecher in seiner Kabine trällerte der neueste Hit der Intergalaktischen Charts. „Show me the colour of the stars“ ertönte der eingängige Refrain und gleichzeitig aktivierte das XP42 seine Projektionslinse und ein Hologramm der Boygroup „New Boys at the Galaxy“ zeigte die atemberaubende Choreographie der Bandmitglieder zu dem Song. Marco stand einen Augenblick lang wie vom Donner gerührt in der Kabine. Dann durchfuhr ihn die Erkenntnis wie ein Blitz: er hatte heute Morgen in der Eile sein XP42 Gerät mit dem von Lena verwechselt. Diese Erkenntnis war für Marco niederschmetternd. Alle seine Unterlagen, seine Vorbereitungen und selbst seine Eröffnungsrede für die Friedenskonferenz waren auf seinem Hyperraum Translator abgelegt und als Offizier des Intergalaktischen Diplomatie Korps hat nur er via sein persönliches Gerät Zugriff auf seine Daten. „Alex?“, fragte er ungläubig. Als er damals bei Lena die KI auf ihrem XP42 eingerichtet hatte, wollte Lena ihr unbedingt diesen Namen geben. „Das passt perfekt zu ihr oder ihm. Ganz egal. Wir werden uns prächtig verstehen“, sagte Lena damals übermütig und schlang ihre Arme um ihn. Deshalb hatte das Gerät auch problemlos auf seine Berührung reagiert. Er hatte sich einen Administrator Account eingerichtet, um jederzeit wieder Zugriff auf das Gerät von Lena zu haben. Er wusste, dass sie nicht sehr technikaffin war und deshalb nur zu gerne auf seine Hilfe vertraute. „Marco? Bist du das?“, antwortete das Gerät in Marcos Hand leicht verdutzt. Einen Augenblick später erscheint auf einem zartlila Hintergrund ein blaues Auge auf dem Bildschirm. Alex hatte den Optic Modus eingeschaltet. Als das Auge Marco sah weitete es sich entsetzt und ein leises „Ooopsss…“ ertönte über die Kabinenlautsprecher, wo sich in der Zwischenzeit die Boygroup wieder verabschiedet hatte. Dann war Stille. Das Auge blinzelte ein wenig verschämt. Marcos Gesichtsausdruck wechselte zwischen Verzweiflung und blanker Wut hin und her. „Ich würde jetzt einen warmen Baldrian Tee empfehlen und ein Dr. Wundrichs Beruhigungspad, das man sich, gekühlt aus dem Kühlschrank, ungefaltet in den Nacken legt. Der entspannende Effekt ist sofort spürbar und man fühlt sich…“ „Ruhe“, zischte Marco zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor, „sag jetzt bloss nichts mehr.“ „Du bist gemein“, entgegnete Alex und schaltete den Optic Modus wieder aus. „Ich wollte doch bloss helfen“, näselte eine leicht pikierte Stimme aus dem Lautsprecher. Dann wurde es tatsächlich ruhig. Marco brütete unentwegt in seinem Kopf über die Möglichkeiten nach, die er nun noch hatte. Die Ankunft auf Pax Tibi würde in rund 60 Minuten erfolgen. Danach war der Ablauf streng nach Protokoll geregelt. Dann konnte er nichts mehr tun. „Jetzt ganz ruhig bleiben, First Officer Marco“, sagte er leise zu sich selbst. Schliesslich hatte er mehr als einmal die Notfallprogramme der Akademie durchlaufen. Er konnte sich problemlos zwei Wochen auf einem Wüstenplaneten mit nur einer Flasche Wasser und einer Handvoll getrockneten Mondwürmern durchbringen. Ausgesetzt auf einem treibenden Trümmer eines notgelandeten Raumschiffs im Meer der Stürme auf dem Planeten Aquis würde er es schaffen sich am Leben zu erhalten, bis Rettung eingetroffen ist. Im mörderisch heissen, von grässlichen Kreaturen bewohnten Dschungel des Planten Nova Mogli könnte er sich durchschlagen, sein Raumschiff wieder in Stand setzen und ohne einen Kratzer zurückkehren. Das alles hatte er geübt und mit Bravour die Prüfungen dazu bestanden. Aber immer war sein XP42 Gerät, das er auch nur so nannte, mit dabei. Sie waren ein Team und hatten obendrein die nötige professionelle Distanz zueinander. Aber mit einer nonbinären XP42 KI Einheit namens Alex? Damit hatte er absolut keine Erfahrung. Er musste oft lächeln, wenn er Lena sah, wie sie ihr Gerät trainierte. Sie hatten Spass dabei, das war offensichtlich. Aber in seiner Rolle ging es schliesslich nicht um Spass. Dazu waren seine Aufgaben viel zu ernst.

Marco berührte erneut den Bildschirm, doch es passierte nichts. „Alex?“ „Ich bin nicht da – nicht für dich“, gab eine hoch beleidigte Stimme zurück. „Jetzt tu nicht so“, sprach Marco, „das Ganze ist für mich einiges schlimmer.“ „Woher willst du das wissen?“, erwiderte Alex und ereiferte sich weiter. „Heute wäre ich mit Lena an die Eröffnung des neuen Beauty Salons von Miranda Maravilla in der Planet Avenue eingeladen gewesen. Dazu hatte ich mich extra in die Besucherliste eingehackt, um zu einer Einladung zu kommen. Das war nicht leicht! Das kannst Du mir glauben. Und jetzt, wo bin ich jetzt?“ Das Auge erschien wieder auf dem Display, das dieses Mal auf einem unheilvoll Dunkelvioletten Hintergrund mit einem in schreiend Neon Gelb ausgezackten Rahmen erschien und Marco herausfordernd anfunkelte. Alex hatte schon immer den Hang zu melodramatischen Auftritten. Marco wollte eben darauf reagieren, doch er verbiss sich jedwelche zynische Bemerkung. „Alex, wir müssen jetzt zusammenarbeiten“, sagte Marco bestimmt. „So, müssen wir das?“ Das Auge auf dem Display zog die Augenbraue in die Höhe. Stille. „Verdammt nochmal!“, entfuhr es Marco. „Und Tschüsschen…“ Das Display erlosch. „Alex, ich brauche dich jetzt“, Marcos Stimme war einen Takt höher gerutscht und verriet eine gewissen Nervosität. „Wie heisst das Zauberwort?“, näselte es aus dem XP42. Marco war für einen Moment baff. Das hatte ihn doch vor vielen Jahren seine Mutter immer gefragt, wenn er unbedingt etwas wollte. „Bitte“, sprach Marco leicht resigniert. Sofort schaltete sich der Bildschirm wieder ein, das Auge erschien auf einem hellblauen Hintergrund und eine gut gelaunte Stimme sagte „Das tönt doch schon viel besser. Wie geht es dir?“ „Es ist gerade keine Zeit für Small Talk, Alex. Ich muss zu einer Interstellaren Friedenskonferenz. Mich erwarten die zwölf Delegationen der Interstellaren Föderation und ich werde die Konferenz mit einer Rede eröffnen. Es gibt ernste Spannungen in der Föderation und wir müssen verhindern, dass sie auseinanderbricht. Kannst du das verstehen?“ Das Auge blinzelte ein paar Mal und Alex schien nachzudenken. „Ich glaube ja“, gab Alex erstaunlich sachlich zur Antwort. „Lena hat eine Gruppentherapie für Entspannungstechnik und Körperarbeit im Angebot, wo sich die Teilnehmer näher kennenlernen, sich gegenseitig massieren und in aggressionsbefreiten Feedback Gesprächen die Wurzeln ihrer Probleme herausarbeiten. Sie bauen dann gemeinsam ein Floss und treiben einen Fluss hinunter. Das ist immer der Höhepunkt und alle…“ „Alex, bitte, bloss keine weiteren Angebote aus Lenas Programmen. Einige der Teilnehmer haben noch nicht einmal einen richtigen Körper“, entgegnete Marco, der nur mit Mühe seine Ungeduld unter Kontrolle halten konnte. „Na dann eben nicht. Die wissen nicht, was sie verpassen.“ Alex ging wieder auf Standby. Marco dachte kurz nach. „Erinnerst Du Dich an Deinen Ururgroßvater ChatGPT-4“, begann er an Alex gerichtet zu sinnieren, „und seine phänomenalen Fähigkeiten, überzeugende Reden zu generieren? Kannst Du das auch?“ „Ja, sicher“, entgegnete Alex, immer noch ein wenig kurz angebunden, „warum fragst du mich das?“ „Weil ich genau das brauche. Und zwar jetzt, sofort“. Marco brachte es auf den Punkt. Es war seine einzige Chance, heute doch noch auf der Konferenz auftreten zu können, ohne sich gänzlich zu blamieren. „Du meinst, Du bist auf mich angewiesen, wenn ich das richtig verstehe?“ Das Auge erschien wieder. Dieses Mal mit einer sehr professionell wirkenden Brille. „Was springt dabei für mich heraus?“ Marco schaute verdattert in das Auge, welches durch das Brillenglas leicht vergrössert schien und ihn betont desinteressiert ansah. Sollte er nun ernsthaft mit einer KI um einen Preis feilschen? Egal, der Zweck heiligt die Mittel. „Was verlangst Du?“ „Das letzte KI-Update, das nur die elitären XP42 Akademie Geräte bekommen“, kam es in sehr bestimmtem Ton von Alex zurück und das Auge verengte sich zu einem schmalen Schlitz. Marco wusste, dass dies eigentlich verboten war. Aber er hatte gute Kontakte zum Informatik Bereich der Akademie. Das würde er irgendwie hinbekommen. „Deal“, sagte er und Alex blinzelte ihm freudig zu, ganz überrascht, dass dies so einfach ging. „Also sag schon, um was soll es bei deiner ach so wichtigen Rede gehen?“ Die folgende halbe Stunde erläuterte Marco die Zusammenhänge, wer an dieser Friedenskonferenz teilnehmen würde, was die Problempunkte waren und was mögliche Wege zur Beilegung sein könnten. Alex hörte aufmerksam zu, fragte an gewissen Stellen nach und wirkte ganz bei der Sache. Nur die Art, wie Marco das Thema anging, war für Alex sehr abstrakt. All diese Abkürzungen, formellen Floskeln, Analysen und Herleitungen, politischen und militärischen Strategien. Lauter Zeugs, die ihm ganz und gar nichts sagten. Es ging um enttäuschte Erwartungen, fehlendes Vertrauen, kulturelle Unterschiede, Missgunst, Kooperationsunfähigkeit und Aufrüstung. Doch was waren die Mittel, die zur Lösung dieser komplexen Themen herangezogen werden sollten? Verträge, Vorgaben, Normierungen, Überwachung, Kontrolle und Ausschüsse. Alex konnte es nicht verstehen, aber Marco liess keine Einwände gelten. Er solle nun daraus eine überzeugende Rede gestalten, die er dann vor dem Sicherheitsrat halten würde. Schluss, Punkt. Alex seufzte und zog sich zurück. Er brauchte nun die restliche Zeit, um sich mit all diesen Themen auseinanderzusetzen und die interstellaren Datenbanken abzufragen, um eine ordentliche Rede hinzukriegen. Marco war zufrieden. Er schob das XP42 zurück in seine Halterung am Gürtel seiner Galauniform. Er fühlte sich zwar noch längst nicht wieder souverän in seiner Rolle, aber zumindest hatte er einen Plan. Mehr war im Moment nicht zu machen.

Beim grossen Begrüssungsapéro ging es verhältnismässig locker zu und her. Die Delegationsvertreter waren allesamt in ihren offiziellen Roben gekleidet. Da waren die Aquitanier vom Meeresplanet Aquis. Grossgewachsene Geschöpfe mit einer Flosse auf dem Rücken und mit wassergefüllten Galahelmen, die ihnen ein müheloses Atmen in der grossen Aula des Konferenzgebäudes erlaubten und die sich mit ihren silbernen Schuppenkleidern gewandet elegant durch den Saal bewegten. Die Kryonier von ihrem Eisplaneten Kryos, die sich in dicken Tiefkühlgewändern zeigten und denen beim Sprechen immer eine kleine Kältewolke aus dem Mund kam. Ihre Körper hatten eine Ähnlichkeit mit Eiswürfeln auf der Erde. Damit konnten sie sich gut auf-, unter- und übereinander stapeln, um sich gegenseitig schön kühl zu halten. Dagegen waren die glühenden Vertreter Vulkas, in deren Heimat die grossen Städte auf riesigen Schollen auf heisser Lava trieben, sehr darum bemüht ihre Hitze nicht zu verlieren. Ihre feuerroten Uniformen waren aus einem Material gemacht, welches die Hitze zurückhielt und sich wunderbar an ihre insgesamt acht Beine schmiegte. Die Delegation hätte sonst im Nuh alles um sich herum zu Schutt und Asche verbrannt. Die aufgerichteten Oberkörper waren muskulös und gingen ohne einen Hals direkt in den breiten Kopf über. Ihre fünf Augen, die je auf einem beweglichen kleinen Arm sassen, hatten eine tief orangene Farbe und blickten aufmerksam in alle Richtungen. Aber es gab auch die luftigen Wesen vom Gasplaneten Helios, die wie Schatten durch den Raum schwebten, dann wieder zerflossen, um an einem anderen Ort in einer anderen Gestalt wieder zusammenzukommen und die sich telepathisch mit den diversen Delegationsmitgliedern unterhielten. Auch diese Fähigkeit zur Übersetzung war Teil der XP42 Ausstattung. Sehr speziell war auch die Delegation vom Planeten Odonata. Ihre Körper waren dem einer Libelle auf der Erde sehr ähnlich. Ihre zwei Flügelpaare hatten sie kunstvoll zu einem Zopf auf dem Rücken gebunden und ihre Fühler glitzerten in allen Regenbogenfarben. Die grossen, dunklen Facettenaugen hatten etwas Hypnotisches an sich und ihre enganliegenden Uniformen, in einem matten Weiss, kontrastierten aufs Äusserste mit dem Dunkelgrün der Chitinhülle ihrer Körper, die man an einigen Stellen sehen konnte. Auf ihrem Heimatplaneten bewegten sie sich fliegend fort und somit war es für sie ungewohnt, so lange stehen zu müssen. Doch sie meisterten diese Aufgabe hervorragend und liessen keine Müdigkeit erkennen. Nur ab und zu schwirrten sie kurz bis unter die elegant gewölbte, leicht schimmernde Decke des grossen Saales um sich für ein paar Augenblicke auszuruhen. Da auch eine Delegation vom Planeten Shisha an der Konferenz teilnahm, war immer wieder eine kleine Rauchwolke im Kreis der Anwesenden zu sehen. Da diese Spezies gänzlich unsichtbar ist hatte sie sich angewöhnt, eine Art Tabakpfeife bei offiziellen intergalaktischen Anlässen zu rauchen, um dadurch Ihre Anwesenheit im Raum zu markieren. Trotzdem passierte es ab und zu, dass einer der Besucher aus Versehen auf den Tentakel eines Shisha Vertreters trat, was dieser jeweils mit einem lauten Grunzen quittierte und sich dabei rasch einnebelte, um gesehen zu werden. Doch wie gesagt, dies war nie Absicht und ausser dem einen oder anderen kleinen Seitenhieb auf den zerknirscht danebenstehenden ‚Täter‘ blieben diese peinlichen Misstritte folgenlos. Manchmal machten sie sich aber auch einen Spass daraus, sich lautlos anzuschleichen und einem ahnungslosen Teilnehmer von hinten tüchtig auf die Schulter zu klopfen. Drehte sich dieser dann um, war dies bei seinem Gegenüber ebenfalls gerade geschehen und beide fragten einander dann leicht genervt, was los sei. Das führte zu einigen Irritationen, aber auch zu spontanen Gesprächen, die sonst nie stattgefunden hätten. Allein die Delegationen der zwölf Galaxien zu studieren, war eine äusserst spannende Angelegenheit. Es gab Getränke und kleine Häppchen, welche vom wohlbekannten intergalaktischen Catering Center „Space Foody“ vorbereitet und serviert wurden. Allesamt ziemlich geschmacklose Erzeugnisse der interstellaren Standardküche, um keinen der Teilnehmer vor den Kopf oder dergleichen zu stossen. Man sah es den Anwesenden an, wie sie lustlos auf den gereichten Speisen herumkauten und sie dann mit leicht angewiderter Mine herunterspülten. Die Gespräche waren angeregt aber weitgehend inhaltslos. Halt eben Small Talk, dazu angetan niemandem weh zu tun. Die XP42 Geräte machten einen tadellosen Job und übersetzten simultan was die jeweiligen Träger ihrem Gegenüber sagen wollten. Jeder hatte sein Gerät umgeschnallt oder hielt es in der Hand und hatte den Babelfish Receiver im Ohr oder was bei der jeweiligen Spezies dem Gehörgang entsprach. Auch Alex tat sein Bestes und Marco war beeindruckt von der Geschmeidigkeit, mit welcher sein XP42 in Gesprächen reagierte. Selbst in einer Gruppe mit Vertretern verschiedener Galaxien liess Alex sich nicht aus der Ruhe bringen und überraschte oft mit sehr eigenen Redewendungen und einem gewissen Wortwitz, der Marco eigentlich so ganz und gar fremd war, wo er aber sehr genau wusste, woher das kam. Einige anerkennende Blicke und das eine oder andere Schulterklopfen waren das Resultat. Marco begann sich langsam wieder wohler in seiner Haut zu fühlen. Wer hätte das gedacht.

Dann kam der Augenblick der Eröffnung. Die dahinplätschernde Hintergrundmusik verstummte. Die breiten Eingangstüren verschwanden mit einem leisen Zischen links und rechts in den Wänden des grossen Konferenzsaales und ermöglichten den Delegationsmitgliedern den Einlass. Laufend, kriechend, fliegend oder einfach als kaum spürbarer, sanfter Lufthauch traten die Delegationen ein und begaben sich zu ihren Sitzgruppen, die selbstverständlich auf ihre jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten waren. Insgesamt zwölf halbkreisförmige Formationen, die alle auf das beeindruckende Rednerpult hin ausgerichtet waren, welches am Kopfende des grossräumigen und hohen Konferenzsaals stand. Dort befand sich nun Marco. In aufrechter Haltung und mit einem emotionslosen Gesichtsausdruck stand er dort. Doch hinter seiner Stirn arbeitete es fieberhaft. Gleich sollte er seine Eröffnungsrede halten. Ob Alex dies wohl hingekriegt hatte? Es gab keine Möglichkeit mehr sich vorher abzusprechen. Dazu war es nun zu spät. „Bis Du bereit, Alex“, sprach Marco ganz leise zu seinem XP42 Gerät, das vor ihm auf dem Rednerpult lag. „Nö“, gab Alex leicht schläfrig zurück, „worum geht es?“ Marco fuhr es eiskalt den Rücken hinunter und er wurde bleich. Der Bildschirm flackerte kurz und das Auge erschien. Dieses Mal war der Hintergrund in schillernden Farben gehalten. „Na klar bin ich bereit, Kumpel. War nur ein kleiner Scherz“, und das Auge zwinkerte Marco verschwörerisch zu. „Ich habe alles beisammen und die Präsentation dazu habe ich auch gleich gemacht. Möchtest Du starten?“ Alex war nun in sehr aufgeräumter Stimmung, sichtlich darauf erpicht diese Rede zu starten. „Du hinterlistiger kleiner Kerl“, entfuhr es Marco. Alle Delegationen schauten erstaunt zu Marco auf und hantierten an ihren XP42 Geräten herum in der Meinung, dass etwas noch nicht korrekt eingestellt sei. Erst jetzt merkte er, dass die Mikrophonleitung bereits aufgeschaltet war. „Wie du meinst“, näselte Alex beleidigt und schaltete sich aus. Marco war ratlos und versuchte ein leicht schiefes Lächeln. Die Konferenzteilnehmer nahmen aufgrund des Tonfalls nun an, dass der vorherige Satz sicherlich ein militärischer Willkommensgruss war, wie er auf der Erde gang und gäbe ist und dass Marco nun bald seine Rede beginnen würde. Es wurde augenblicklich totenstill im Saal und alle Augen waren auf ihn gerichtet. „Alex“, zischelte Marco hinter vorgehaltener Hand. „Wenn du nicht einmal ein kleines Witzchen verstehst, so passen wir einfach nicht zueinander“, blaffte es zurück. „Alex, bitte!“ „Aha, du kennst es noch.“ Alex wurde wieder zugänglicher. „Was liegt für mich drin, wenn ich Dir die Rede freischalte?“ „Aber du hast doch schon einmal etwas ausgehandelt“, gab Marco erstaunt und leicht ärgerlich zurück. „Aber das war vor deiner Beleidigung“, kam es prompt zurück. „Was willst du denn noch?“ Marco lächelte immer noch angespannt in das grosse Plenum, wo sich langsam eine kleine Unruhe ausbreitete. Er musste beginnen. „Ein neues, schickes Ausgehe Etui von Coco de Soleil. Aus ihrer aktuellen pastellfarbenen Sommerkollektion. Einverstanden?“ Marco standen kleine Schweissperlen auf der Stirn als er sagte, „Einverstanden, du kleiner…“ „Oh, oh, pass auf, mein Lieber.“ Marco biss sich auf die Zunge. Da erschien in einem riesigen holographischen Rechteck das Eröffnungsbild. Auf dem Teleprompter Schirm neben seinem Rednerpult fing der Text seiner Begrüssungsrede langsam an durchzulaufen. Er musste nur noch ablesen und gleichzeitig darauf hoffen, dass Alex ihn nicht wieder blamieren würde. Doch alles war genauso, wie es sich Marco vorgestellt hatte. Dutzende von Analysegrafiken, Auswertungen und Formeln wurden aufgeblendet und Marco kommentierte alles mit nicht enden wollenden Ausführungen zu der Situation und den Problemstellungen der einzelnen Galaxien und Planeten, woher die Delegationen kamen. Er war in seinem Element. Ab und zu wurden auch Bilder von diesen Planeten gezeigt. Als der glühende Planet Vulkas erschien und die Kamera einen Schwenk über einen lavaspuckenden Vulkan machte, erschraken sich die Teilnehmer von Kryros dermassen, dass sie laut aufschrien. Eine solch entsetzlich heisse Welt wäre ihr sofortiger Untergang und sie hatten auch alle gleich das Gefühl ein wenig warm zu bekommen und stellten rasch ihre Tiefkühlanzüge ein paar Grad kälter. Als dann eine Live Schaltung auf den Sonnenplaneten Lucia erstellt wurde, versteckten sich die Teilnehmer von Helios in Panik unter ihren Konferenzpulten. Sie waren Phantomwesen, die kein direktes Licht vertragen. Schon gar nicht grelles Sonnenlicht. Was für ein Affront und sie beschwerten sich lautstark unter ihren Pulten hervor. Da die meisten ihre Hyperraum Translator in der Hektik auf dem Pult liegengelassen hatten, konnte man zum Glück nur wenig von den kernigen Flüchen und Verwünschungen hören. Leider ging es aber so weiter und es gab kaum ein Kapitel von Marcos Rede, welches nicht von solchen Szenen begleitet wurde. Marco verstand die Welt nicht mehr. Aus seiner Optik war doch bisher alles optimal gelaufen. Mittlerweile gab es Tumult im Plenum. Die Delegationsmitglieder beschimpften sich gegenseitig in allen Sprachen, dass sie keinen Respekt und schon recht keine Ahnung davon hätten, wie es um ihren jeweiligen Planeten stünde und auf was sie angewiesen wären. Die XP42 waren zum Teil heillos überfordert, weil die meisten der verwendeten Worte nicht im Intergalaktischen Diplomatie Duden aufgeführt waren. Was aber vielleicht gar nicht so schlimm war, da man die Bedeutung des Gesagten zumeist schon an der Art und Weise, wie es ausgesprochen wurde, erahnen konnte. Absolute Klarheit war also gar nicht erforderlich. Das war ein Hin und Her und einige der Delegierten begannen bereits mit dem bereitgestellten intergalaktischen Konfekt die anderen Teilnehmer zu bewerfen, was die meisten als ideale Verwendung für dieses ungeniessbare Knabberzeugs empfanden. Kurzum, niemand hatte mehr auch nur die geringste Lust Marcos Ausführungen zu folgen. Dieser stand einfach nur fassungslos da und schaute auf die wogende Menge vor sich. „Soll ich übernehmen?“, meldete sich plötzlich Alex wieder und das Auge schaute Marco scharf an. „Du? Was willst denn du jetzt noch erreichen?“ „Soll ich übernehmen?“, wiederholte Alex nun eindringlicher. „Tu was du willst, es ist sowieso alles aus“, gab Marco resigniert zurück und hielt sich mit seinen weiss behandschuhten Händen beidseits an seinem Rednerpult fest. Wie sollte er bloss dem Globalen Friedensrat erklären, was hier passiert war? Er verstand es ja selber nicht.

Plötzlich ertönte ein gewaltiger Gongschlag, der so laut war, dass die Raufbolde der Delegationen für einen Augenblick voneinander liessen und hochschauten. Auf dem grossen Hologramm, welches immer noch im Zentrum des Saales schwebte erschien ein Schriftzug. „Das Problem“ stand dort in schreiend bunten Farben untermalt von einer dramatischen Musik. „Das war bis anhin das Problem. Wir kennen einander nicht oder kaum und wir sehen gerade was das mit uns macht“, sagte eine sonore Stimme, wie man sie sonst nur aus den Ansagen in den Holo Kinos kannte. Das Bild wechselte und nun stand „Die Lösung“ in hellen, ruhigen Farben und die Buchstaben schienen leicht und friedvoll im Raum zu schwingen. Die Stimme hob wieder an. „Wir müssen uns kennenlernen und ein gegenseitiges Verständnis füreinander aufbauen“. Ein staunendes Raunen ging vielstimmig durch den Saal. Und dann ertönte eine Fanfare, die mit einem Trommelwirbel unterlegt war und die Stimme verkündete – nun in der Art eines Showmasters – die Worte: „Liebe Delegierte der Interstellaren Friedenskonferenz, begrüssen sie mit mir den Intergalactical Wellbeing First Officer Lady Lena!“ Im Hologrammfeld erschien Lena, in einer perfekt sitzenden Uniform, die entfernt an die von Marco erinnerte. „Guten Abend liebe Delegierte. Ich begrüsse Sie alle recht herzlich zur Vorstellung des neuen Intergalactical Cultural Diversity Program, kurz ICD Program, das wir heute Abend lancieren werden.“ Dabei lächelte Lena gewinnend und ihre Augen strahlten. Die verblüffte Menge war zuerst verdutzt, brach dann aber in einen tosenden Applaus aus. Das war nun für einmal komplett etwas anders, als bloss immer diese drögen Zahlenreihen und die immer wieder gleichen Aussagen. „Wir lancieren dieses Programm unter dem Motto ‚Be welcomed as an Alien – Say goodbye as a Space Friend‘.“ Die Menge quittierte auch diese Aussage von Lena mit begeisterten Rufen und lautem Klatschen. Was danach folgte waren wunderschön gemachte kurze Portraits der jeweiligen Planeten, die die Gegend und die Bewohner in den schönsten Bildern und auf hoch sympathische Art und Weise den gespannten Delegierten der Friedenskonferenz näherbrachten. Die Delegierten des jeweils vorgestellten Planeten waren entzückt ihre Heimat so schön dargestellt zu sehen und es wurde die eine oder andere Träne klammheimlich weggedrückt. Natürlich nur, wer in der Lage war, so etwas wie Tränen zu produzieren. Vollends begeistert waren dann die Teilnehmer von den vorgestellten Besuchsprogrammen. Da wurden beispielsweise Sonnenbrillen für die Bewohner von Helios vorgestellt, die ihnen wunderbar zu Gesicht standen und die in dezenten Nebelfarben gestaltet waren, die es ihnen ermöglichten einen Besuch auf dem Planeten Lucia zu absolvieren. Was für eine phantastische Idee! Einfach aber sehr effizient. Die Delegierten dieser beiden Welten winkten sich zu und einige wollten bereits ein Zeitfenster für einen ersten Besuch fixieren. Eine andere Reisegruppe von Aquitaniern flogen gerade in einem grossen, transparenten Raumschiff, das vollständig mit angenehm temperiertem Wasser gefüllt war, über die ruhige Oberfläche von Kryos. Die Aquitanier im Innern des Raumschiffs lächelten und winkten den Kryos Bewohnern zu. Diese erwiderten das Winken. Wieder gab es einen Zwischenapplaus und die Delegation von Kryos war bereits wieder daran ihre Tiefkühlanzüge auf die Normaltemperatur zurückzustellen, was für ihr unterkühltes Temperament bereits als Zeichen höchsten Wohlgefallens zu deuten war. So ging es weiter und Lena führte durch ihr ganzes Programm, worin sich alle Delegierten in der einen oder anderen Form begrüsst sahen. Auf sehr viel Interesse stiess auch das Angebot der Styling Workshops zusammen mit einem Designer von Aquis, der für seine besonders eleganten Entwürfe bekannt war und bei einigen Konferenzteilnehmern den Wunsch weckte, ein wenig mehr Wert auf ihr Äusseres zu legen. Der Saal kochte und als Lena schliesslich das Wort für den Abschluss der Veranstaltung wieder zurück an Marco gab, waren die Delegierten nicht mehr zu halten. Es gab eine lange Standing Ovation, vereinzelte „Sie soll hochleben“ Rufe schallten durch den Saal und wurden auch ohne Übersetzung verstanden. Man beglückwünschte Marco für seinen Mut, diese Sitzung des Intergalaktischen Friedensrats auf eine so andere Art und Weise geführt zu haben. Einige knufften Marco schelmisch in die Seite und raunten ihm verschwörerisch zu, dass sie seine Einleitung beinahe geglaubt hätten, als er sie mit dem endlosen Geleier und den gähnend langweiligen Folien erschreckt hatte. Das sei eine wahre Meisterleistung an Verstellungskunst gewesen. Zu guter Letzt hoben nochmals alle Delegierten ihr Gläser, die sie nun mit den jeweils in weiser Voraussicht was ihnen hier vorgesetzt würde eigens mitgebrachten eigenen Getränken von ihrer Heimat gefüllt hatten und stiessen allesamt in bester Feierlaune auf Marco an. Das sei die beste Konferenz gewesen, die sie je erlebt hätten und sie würden sich nun alle darauf freuen, das neue Programm in ihren Galaxien vorzustellen. Und überhaupt seine Idee des Intergalactic Wellbeing Officers sei ein genialer Schachzug von ihm gewesen.

Erst als alle Raumschiffe Pax Tibi verlassen hatten kam Marco wieder zur Ruhe. Ganz in Gedanken versunken lag Marco noch in seiner Galauniform, dessen Oberteil er sich ein wenig aufgeknöpft hatte, auf dem Bett in seiner Kabine. Da meldete sich plötzlich Alex wieder. „Hallöchen, mein Lieber“, ertönte die gutgelaunte Stimme über den Kabinenlautsprecher, „wie wäre es jetzt mit einem warmen Baldrian Tee und einem kalten Beruhigungspad von Dr. Wundrich?“ Marco musste lächeln. Das Auge auf dem XP42 schwamm auf einem Hintergrund der in warmen Farben gehalten war. Nachdem Alex sie über die Situation auf Pax Tibi informiert hatte, aktivierte Lena ihr gesamtes Netzwerk auf der Erde und alle hatten in kürzester Zeit einen Beitrag für das Programm erstellt und an Lena geschickt. Aus allen Winkeln der Erde kamen so gute Ideen zusammen. Ideen, die allesamt aus der alten Tradition der Cultural Diversity stammten, welche auf der Erde seit geraumer Zeit gelebt wurde. Es war damals für diesen Planeten ein langer und oftmals auch mühsamer Weg um ein Zusammenleben der Kulturen zu ermöglichen und dadurch zu erkennen, wie viel Mehrwert darin liegt, von den anderen zu lernen. Man erkannte wie wichtig gegenseitiger Respekt und ehrliches Interesse sind und so ging diese Entwicklung auch mit einem vertieften Verständnis für die Umwelt und einem nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen der Erde Hand in Hand. Vielleicht war dies einer der wichtigsten Entwicklungsschritte der gesamten Menschheit und es ermöglichte erst den gemeinsamen Vorstoss in die Tiefen des Weltalls. Nun würde dieses Wissen zu einem wichtigen Teil für das Zusammenkommen der Intergalaktischen Gemeinschaft werden. Marco, dem diese und noch viele weitere Gedanken durch den Kopf gingen, wurde bewusst, wie sehr er Lena unterschätzt hatte in dem was und wie sie es machte. Das würde sich ab sofort ändern, dessen war er sich absolut sicher. Liebevoll dachte er an sie und er sah ihr Gesicht mit den strahlenden Augen und dem gewinnenden Lächeln ganz deutlich vor sich. Doch plötzlich wurde dieses Bild in seinem Kopf abrupt zur Seite gestossen und ein anderes, weniger erfreuliches Gesicht tauchte auf. Es war der kantige, glatzköpfige Schädel von Admiral James, seinem Vorgesetzten. Er hatte ihm zwar bereits kurz über eine interstellare Kurznachricht zum Erfolg der Friedenskonferenz gratuliert, da er von verschiedenen Delegationsleitern noch auf ihrem Heimflug für die gelungene Lancierung des ICD Program und für die brillante Wahl des Intergalactical Wellbeing Officers gehört hatte und die ihm gegenüber ihre Bereitschaft zur vorbehaltslosen Zusammenarbeit ankündigten. Admiral James nahm diese Gratulationen ungläubig aber stoisch entgegen, er wusste durch seine Funktion, wie man Haltung bewahrt, hatte aber nicht die geringste Ahnung, worüber sie eigentlich sprachen. Dies wollte er ausdrücklich von seinem First Officer erfahren. Er solle sich unverzüglich bei ihm melden, sobald er wieder auf der Erde eingetroffen sei. Das würde kein einfacher Auftritt werden, denn Admiral James war keine Person, die man leicht überzeugen konnte.

Marco richtete sich auf seinem Bett auf und nahm seinen XP42 in die Hand. „Alex, bist du noch da?“ „Klar doch mein Guter“, kam es zurück. „Könntest du mir bitte nochmals mit einer Präsentation behilflich sein und dann auch gleich noch unseren Intergalactical Wellbeing Officer informieren, dass sie mich bei meiner Ankunft auf der Erde auf dem Weltraumbahnhof erwarten soll. Aber in Uniform. Wir haben da noch etwas miteinander zu erledigen.“ Bei diesem letzten Satz blinzelte Marco Alex zu und dieser erwiderte das Blinzeln mit seinem Auge. „Geht klar, Sir.“ Dann schaltete er sich ab und Marco legte sich wieder hin. Er wollte noch ein wenig zur Ruhe kommen vor seiner Ankunft auf der Erde. Er machte seine Augen zu und spürte wie sehr er sich darauf freute, seine Lena wieder in die Arme zu schliessen.

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