DaFabula

Gnade und Güte

Gnade zu bedürfen hiesse, dass jemand Macht über mich hat. Von seiner Gnade abhängig zu sein, würde mich folglich in die Rolle eines Abhängigen drängen. Macht macht andere machtlos. Doch genau das widerspricht dem, was mir wichtig ist. Ich versuche, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um ein erfülltes Leben zu gestalten – und bin dort mit mir selbst gnädig, wo mir etwas nicht gelungen ist. Macht über mein Leben an jemand anderen zu delegieren käme einer Bankrotterklärung meiner Selbst gleich.

Wenn ich der Güte bedarf, so besitzt jemand anderes etwas, das ich brauche, um zu leben – und gibt es mir gütigerweise ab. Liebe hingegen ist davon unabhängig. Denn Liebe kann sich vermehren, ohne geteilt zu werden. Das kann man als Eltern bei seinen Kindern mit Staunen immer wieder entdecken.

Die Kunst liegt darin, mit dem zufrieden zu sein, was man sich selbst erschaffen hat. Neid ist ein Gefühl der Besitzlosen – und dabei geht es nicht zwingend um Besitz im materiellen Sinn. Ich besitze bereits viel in meinem Leben, und mir wird fortlaufend so vieles geschenkt, das man – zum Glück – nicht für Geld kaufen kann: die Natur, Gespräche mit interessanten Menschen, Musik, das Kommen und Gehen der Zeiten.

Religion erscheint mir wie der Versuch, Verantwortung an ein höhergestelltes Wesen zu delegieren. Was passiert dabei? Wir Menschen können es nicht mehr greifen, nicht in Worte fassen. Also müssen wir es uns immer wieder von anderen erklären lassen. Doch will ich das? Ich wünsche mir Lösungen, die ich mitgestalten kann. Wo der reine Glaube beginnt, schwindet die Eigenverantwortung zunehmend. Aber gerade sie braucht unser Leben so dringend.

Somit liegen die Gnade und die Güte in mir selbst. Ich muss lernen zu verstehen, dass ich die Summe meiner Widersprüche bin. Ein Regenbogen aus Farben, ein bunter Strauss an Gefühlen, Eindrücken und Erlebtem, verdichtet zu dem, was an der Oberfläche mein Denken, Handeln und damit meine Persönlichkeit formt. Wenn ich mir selbst keine Fehler zugestehen kann – wer sonst sollte mir vergeben?

Leben ist Wachstum. Alles ist im Fluss. Verwandlung ist die Konstante. Und an der Schwelle von einem Lebensabschnitt zum anderen stehen die Fragen aus dem Vergangenen dicht gedrängt vor mir. Ich muss sie einzeln betrachten, auf mich wirken lassen – und mir selbst eine Antwort geben. Jede Frage wird in mir auch die passende Antwort finden. Ich benutze die Welt um mich herum als Oberfläche, auf der ich mich selbst gespiegelt sehe – und profitiere davon.

Meine Vergangenheit hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Rückliegendes kann ich nicht mehr verändern. Meine Zukunft nur bedingt beeinflussen. Die Gegenwart ist mein Raum, den ich bewusst betreten und gestalten kann.

So ergibt sich Sinn: Gewesenes ist vorbei – es war nicht gegen mich gerichtet. Es ist mir widerfahren oder ich habe es gewählt. Sich zu entscheiden, heisst immer auch: die Konsequenzen zu tragen. Die lassen sich nicht delegieren. Es liegt an mir, zu beurteilen, ob ich mein Leben als wertvoll und selbstbestimmt erlebe – oder in einer Art Schonhaltung zum Spielball der Umstände werde. Wer nichts entgegensetzt, wird vom Fluss und der Kraft des Lebens weggespült.

Der selbstbestimmte Weg ist nicht immer der leichtere, aber er lässt mich aufrecht gehen und bewahrt mir meine Wertschätzung mir selbst gegenüber. Denn ich bin es, der den Massstab anlegt – für das, was ich tue, und für das, was ich lasse.

 

 

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